HiOB
Während meiner Jüngerschaftsschule vor 28 Jahren habe ich mich schon einmal mit dem Buch Hiob auseinandergesetzt und darüber eine Charakterstudie geschrieben. Meine damalige "Zweierschaftspartnerin" schrieb mir Folgendes, nach dem sie die Studie durchgelesen hatte: Von diesem ganzen Typen Hiob können wir eine Menge lernen... und dies ist noch heute so.
Einleitung
Als ich die Einleitung im Bibellesebuch zu Hiob von Lydia Riess las, hätte man auch an vielen Orten meinen Namen hinschreiben können, da ich mich mit ihm sehr gut identifizieren kann.
Hiob ist ein gottesfürchtiger und vollkommen gerechter Mann, der unverschuldet ins Unglück stürzt.
Hiobs Schicksal bringt ihn dazu, gegen Gott zu klagen und dessen Gerechtigkeit infrage zu stellen.
Themen wie: Ist Gott gerecht? Interessiert er sich für Einzelschicksale? Was wenn Gott schweigt? Warum leiden Menschen? Warum leiden Menschen, die an Gott glauben und ihn um Hilfe bitten?, bringt Hiob zur Sprache.
Hiob erlebt einen Gott, der sich nicht so verhält, wie er es erwartet hat, was nicht nur sein Weltbild, sondern seinen Glauben ins Wanken bringt.
Als Lesende werde ich aufgefordert, Hiob auf einer langen Reise zu begleiten, auf der ich mich ehrlich, echt und ungeschönt mit Gott, mit eigenen Leiderfahrungen und dem eigenen Glauben auseinandersetzen muss.
Nun bin ich gespannt, wo mich die Reise hinführt und was ich alles von Hiob lernen darf.
Hiob 1:1-5
Wenn meine Freunde mich in drei Worten beschreiben müssten, was würden sie sagen oder wenn mich Gott in drei Worten beschreiben müsste, was würde er wohl sagen?
Hiob wird mit diesen drei Worten kurz und bündig beschrieben: rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.
Gott kennt Hiob, aber auch mich durch und durch. Für mich hat dies etwas Beruhigendes - dies war aber nicht immer so. Gott kennt auch meine dunkelsten Seiten - und trotzdem liebt er mich mehr, als ich mir das vorstellen kann. Gott weiss, dass ich nicht perfekt bin und das muss ich auch nicht sein.
Es ist offensichtlich nicht so wichtig wer Hiob war, denn wir wissen nur, dass er im Land Uz lebt, eine Grossfamilie hat, Grossbauer ist und hochangesehen ist. Wichtiger sind seine Fragen, die er an das Leben und Gott stellt, sein Weg durch das Leid und hin zu einem tieferen Gottesverständnis.
Hiob 1:6-22
Warum lässt Gott zu, dass das Böse in meinem Leben mitreden darf?
Leid ist eine universelle menschliche Erfahrung.
Die Frage, warum Gott Leid zulässt, ist nicht weniger universell, als das Leid selbst. Es ist ein "Warum", auf das die Menschheit selten eine Antwort findet.
Das Leid, das Hiob trifft, ist nicht nur schwer, es ist auch in jeder Hinsicht unverständlich. Gott mutet Hiob einen harten, dunklen Weg zu. Und Hiob muss ihn bis zum Ende gehen, wo er zwar keine Antwort auf sein "Warum" erhalten wird, aber eine, die ihn Gott und sein Handeln in der Welt mehr verstehen lässt.
Wo stehe ich mit meinen "Warums"? Ich verstehe bis heute nicht, warum mein Mueti in meinen Augen viel zu früh sterben musste und ich ab meinem zwölften Lebensjahr ohne mein Mueti weiterleben musste! Was ich auch nicht verstehe, warum ich zu den 20% gehören musste, die schwer an Covid erkrankten, obwohl ich eine innige Beziehung mit meinem Papa-Gott hatte! Inzwischen muss ich auf diese "Warums" auch keine Antworten mehr haben, denn ohne meine Leiden wäre ich nicht die, die ich heute bin und würde wohl auch nicht die Ausbildung zur psychosozialen Beraterin machen. Meine Psychotherapie möchte ich auch nicht missen, die einerseits sehr hilfreich und anderseits sehr lehrreich ist, die mir in ein paar Jahren in der Beratung bestimmt zugute kommen wird. Vielleicht ist dies eine mögliche Antwort auf meine "Warums".
Hiob wird nie den Hintergrund seines Leides erfahren.
Hiob empfängt sein Unglück aus Gottes Hand genau wie zuvor seinen Segen.
Gott übernimmt von Anfang an die Verantwortung für das Leid, das Hiob trifft.
Hiob 2:1-13
Leid ist nie leicht und erst recht nicht, wenn ich damit allein bin!
Wie wertvoll sind da Freunde, die mitfühlen. Die verstehen. Die keine schön klingenden und doch leeren Worte der Aufmunterung mitbringen und sofort dabei helfen wollen, dieses Leid hinter sich zu lassen. Die jede Träne mitweinen, jeden Schrei anhören und jedes Schweigen aushalten.
Hiobs Leid ist gross und seine Freunde werden sich als wenig hilfreich herausstellen, sobald sie den Mund aufmachen - vielleicht ein guter Hinweis darauf, dass Schweigen tatsächlich Gold ist. Aber in diesem Moment, wo sie bei ihm eintreffen, tun sie genau das Richtige: Sie setzen sich zu ihm, schweigen und sind einfach nur da.
Während meinem Covid-Spitalaufenthalt und der anschliessenden Rehazeit hätte ich auch Freunde an meinem Bett gebraucht, die einfach da gesessen wären, geschwiegen hätten und einfach nur da gewesen wären. Leider liessen es die Schutzmassnahmen kaum zu. Heute bin ich dankbar, dass ich in einigen Therapiestunden meiner Psychotherapeutin meine persönliche Covid-Geschichte mit all ihren Abgründen erzählen durfte und sie mir geduldig zuhörte, was sehr heilsam war.
Hiob 3:1-19
Mit Kapitel 3 beginnt ein langes Streitgespräch bis und mit Kapitel 31 zwischen Hiob und seinen Freunden.
Das Hauptdilemma des Gesprächs ist der Tun-Ergehen-Zusammenhang: Wer gottesfürchtig und rechtschaffen ist, wird Erfolg im Leben haben und wer gottlos und selbstsüchtig ist, erlebt Armut.
"Was wäre wenn...?" Dieser Wunsch, die Uhr zurückzudrehen, ist vielen Menschen bekannt.
Auch Hiob würde die Vergangenheit gerne ändern - sogar so weit, dass er nicht einmal geboren worden wäre. Selbstzweifel, Selbstvorwürfe, Depressionen und das Gefühl, einer Situation völlig ausgeliefert zu sein, haben sich eingeschlichen. Das Leben ist dunkel und farblos geworden. Hiob ist gefangen im Hier und Jetzt, im Grau seiner neuen Normalität und in seiner tiefen Dunkelheit.
Doch Gott hält seine Zweifel, seine Trauer, seinen Zorn und sein Nicht-Verstehen aus. Er ist der Gott, der mit ihm geht. Der mit mir geht. Auch in tiefste Dunkelheit.
Natürlich hätte ich mir gewünscht mit meinen Eltern und meiner Schwester als Familie aufzuwachsen. Ohne Scheidung, ohne den Verlust von meinem Mueti, ohne ständig umziehen zu müssen. Natürlich wäre mein Leben leichter gewesen ohne all das Leid, dass ich ungefragt erleben musste. Heute sehe ich all diese Leiderfahrungen als einen persönlichen Schatz an, der mir hilft, mitfühlend mit anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu sein.
Dem Leid völlig ausgeliefert zu sein, ist kein Spaziergang. Nein, es gleicht eher einem Marathon!
Während meiner akuten Covid-Erkrankung fühlte ich mich wie in einem schwarzen Loch. Mein Leben war dunkel und farblos geworden und es herrschte in mir ein riesiges Chaos! Heute, fast fünf Jahre später kann ich sagen, dass ich mit der Hilfe von meiner Psychotherapeutin und Gott aus diesem dunklen Loch raus bin und nun am Rand des Loches sitze. Meine Welt ist wieder bunter geworden, aber die Farben und die Freude dürfen sich noch intensivieren.
Und ja, Gott war mitten in dieser tiefsten Dunkelheit, auch wenn ich ihn dort nicht sehen und spüren konnte. Doch seine Liebe hinterliess auch dort Spuren, auch wenn ich sie erst im Nachhinein sehen konnte.
Hiob 3:20-26
"Und muss ich durch ein finsteres Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist an meiner Seite! Dein Stock und dein Stab schützen und trösten mich." Das was David in Psalm 23:4 betet, ist kilometerweit von dem entfernt, was Hiob gerade erlebt.
Hiobs Tal ist so finster, sein Unglück ist so gross, dass er keiner Hoffnung mehr traut. Nicht mal das Licht am Ende des Tunnels kann er noch sehen.
Hiobs Klagen sind nicht nur die Worte eines Hoffnungslosen. Es sind die Worte eines Menschen, der ehrlich ausspricht, was in ihm vorgeht. Der zugibt, dass er am Ende ist und Gott nicht mehr versteht. Der das Dunkle in seinem Leben weder schönreden noch verdrängen, sondern sich damit auseinander setzen will, ohne es sofort mit dem "Aber" des Lichtes zuzudecken.
Wenn ich mich meiner Dunkelheit mit Gottes Hilfe ehrlich stelle, kann ich auch wieder ins Licht blicken, ohne das es in meinen Augen schmerzt.
Welche dunklen Wolken gibt es in meinem Leben?
Bis im Herbst 2021 genoss ich mein Leben, erlebte eine innige Beziehung mit Gott und lebte meinen Glauben aus. Am 31. Oktober 2021 fängt der Covid-Käfer in mir zu wüten an und ich landete durch eine Retraumatisierung im finsteren Tal. Während den drei Wochen im Spital bangte ich um mein Leben und die Angst beherrschte mich. Die Frage: "Gott wo bist du?" hing in der Luft und nichts Frommes erreichte mich mehr! Weitere Fragen wie: "Warum ich?" und "Gott hast du mich vergessen?" hingen ebenfalls in der Luft. Die dunklen Wolken waren mit folgenden Wörtern besetzt: ☁️Einsamkeit☁️Isolation☁️Hilflosigkeit☁️Unruhe☁️Angst☁️Panik☁️Ohnmacht☁️Heimweh☁️Ungewissheit☁️Ungerechtigkeit.
In dieser Zeit erlebte ich neben den dunklen Wolken auch immer wieder Lichtblitze, die mir Hoffnung schenkten: ⚡️Tröstende Worte von Gott: "Ich habe noch etwas Grossartiges mit dir vor!"⚡️Trost und Gebet von meinen Weggefährten⚡️Die Sauerstofftherapie die meine lebenswichtigen Organe vor einem Versagen schützte.
Am 23. November 2021 wurde ich in der Begleitung eines "Engels" in die Reha verlegt. Ja, ich habe überlebt, aber es kam bei mir nicht an und mein Glaube hing an einem seidenen Faden! Den einmonatigen Rehaufenthalt erlebte ich im Überlebensmodus und die dunklen Wolken würde ich wie folgt beschreiben: ☁️Einsamkeit☁️Müdigkeit☁️Angst☁️Enttäuschung☁️Heimweh☁️ innere Leere.
Auch in dieser Zeit gab es Lichtblitze, die mir Hoffnung schenkten: ⚡️Ermutigende Fortschritte in den Therapien⚡️Die herrliche Aussicht auf den See und auf die Berge mit wechselnden Jahreszeiten⚡️die Spaziergänge im und ums Rehazentrum bei Sonne, Regen und Schneefall⚡️Die Adventsstimmung, die ich um meinen Fensterplatz kreierte⚡️Trost und Gebet von meinen Weggefährten.
Einen Tag vor Weihnachten durfte ich nach sieben langen Wochen als psychisches Wrack und mit 3l Sauerstoff am Rücken wieder nach Hause zu meinen Liebsten. Nach ein paar Wochen hatte ich wieder ein Ja zu meinem Leben und dass ich leben darf! Fromme Worte machten mich noch sehr lange wütend und meine Beziehung mit Gott bestand aus Anklage. Bis zum Ende des finsteren Tales, das im Herbst 2025 endete, standen folgende Wörter in den dunklen Wolken:☁️Überforderung☁️Schuld☁️nicht gesehen und gehört☁️Unsicherheit☁️Scham☁️Misstrauen☁️Enttäuschung☁️Einsiedlerleben☁️Angst☁️Niedergeschlagenheit☁️Freudlosigkeit☁️Groll☁️Wut.
Während dieser psychischen Regeneration, die noch andauert, gab es natürlich auch ein paar Lichtblitze, die mir Hoffnung schenkten: Rebellionsphase nachholen⚡️Zeit in der der Natur⚡️Klagemauer⚡️Family⚡️Psychotherapie⚡️Gruppentherapie⚡️myBlog⚡️bcb-Ausbildung⚡️treue Weggefährten⚡️Emotionen dürfen sein.
Über diesem finsteren Tal schrieb Gott folgende Überschrift: Wo du Barbara nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen und ich war bei jedem Atemzug bei dir 🥰.
In meiner Lebensgeschichte gibt es noch weitere finstere Täler, dunkle Wolken und Lichtblitze, doch diese Tal übertrifft alle anderen und die Retraumatisierung verstärkte alles Dunkle noch zusätzlich.
Hiob 4:1-11
Seinen Freunden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ist an sich eine gute Sache. Aber nicht jeder Rat ist ein guter Rat. Mancher Rat ist auch zu schnell, zu unbedacht erteilt. Weil man gar nicht richtig zugehört oder sich keine Mühe gegeben hat, die Situation richtig zu verstehen, bevor man mit gut gemeinten Ratschlägen um sich wirft.
Zuhören ist eine Kunst. Bis hierhin haben Hiobs Freunde alles richtig gemacht: Sie haben geschwiegen und Hiob die Stille brechen lassen. Die Reaktion auf Hiobs erste Rede enthüllt aber, wie leicht mann von der Rolle des Zuhörens in die Rolle des Belehrens rutschen kann.
Lieb gemeinte Ratschläge, die mir während meiner Covid-Krise entgegen kamen, waren für mich eher Schläge, als eine Hilfe. Damals hätte ich mir lieber gewünscht, dass einfach Freunde an meinem Bett sitzen würden und mit mir mein Leid aushalten würden - auch ohne Worte und Bibelversen! Dem war aber nicht so.
Ich würde Mal von mir behaupten, dass ich gut zuhören kann und zuerst die Geschichte des Erzählenden hören möchte, bevor ich irgendetwas sagen kann. Oft bin ich dann sprachlos und mir fehlen die Worte. Doch inzwischen habe ich gelernt, dass ich mich durch Fragen stellen, in die Welt meines Gegenübers versetzen kann und ich mich dadurch zurücknehme - auch die Ratschläge in meinen Gedanken.
Hiob 4:12-21
"Gott hat mir gesagt, dass..." ist das Totschlagargument schlechthin. Es kann jede Diskussion im Keim ersticken und auch massiv unter Druck setzen.
Man darf auch mal in das Leben von anderen Menschen hineinsprechen - aber ohne Druck, ohne den Absolutsheitsanspruch der eigenen Meinung und immer mit sehr viel Wertschätzung und Feingefühl. Mein Gegenüber muss am Ende immer selbst entscheiden dürfen, was er oder sie damit anfangen möchte.
Ich kann es nicht ausstehen, wenn mir jemand sagt: "Gott hat mir gesagt, dass..." Man könnte doch einfach sagen: "Ich habe den Eindruck, dass..." So kann ich selbst entscheiden, was ich damit anfangen möchte. Und wenn es dann noch um Bibelverse handelt, die man herauspickt und aus dem Zusammenhang reisst, darauf reagiere ich allergisch!
Es gibt gewisse Leute, von denen lasse ich mir in mein Leben reden. Da aber mein Vertrauen in Gottes Bodenpersonal nach wie vor an einem kleinen Ort ist, können die sich "von" nennen.
Hiob 5:1-27
"Ich weiss es nicht" ist die schwierigste Antwort überhaupt. Nicht nur bei Kindern, sondern auch, wenn es um die grossen Fragen des Lebens geht.
Wir mögen keine unbeantworteten Fragen. Wir mögen es nicht, etwas nicht erklären zu können. Erst recht nicht, wenn wir jemanden vor uns haben, der dringend eine Antwort braucht. Aber manchmal zeigen wir unser Einfühlungsvermögen gerade darin, dass wir ehrlich zugeben: "Ich weiss es nicht."
Nicht-Wissen ist keine Dummheit, sondern Weisheit. Wo man die Freiheit hat, sein Nicht-Verstehen zuzugeben, schafft man Raum für Begegnung mit denen, die genauso wenig wissen und verstehen wie man selbst. Lässt sie wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die die Antwort nicht kennen und doch so dringen suchen. Schafft Raum um sich mit ihnen gemeinsam auf den Weg zu machen. Nicht Wissen ist keine Katastrophe, solange man die Bereitschaft mitbringt, nach Antworten zu suchen.
Den Rat, den Elifas hier gibt, ist an sich nicht falsch: "Wende dich an Gott." Darin liegt allerdings auch eine Menge Arroganz, denn im ganzen Buch ist Hiob der Einzige, der sich an Gott wendet, während die Freunde stets beanspruchen, längst zu wissen, was Gott zu sagen hat.
Hiob 6:1-13
Manch einer hat vielleicht sein Leben lang gehört "Gott ist gut", "Gott meint es gut mit dir", "Gott kümmert sich". Aber diese Sätze sind schwer zu glauben und anzunehmen, wenn Lebenserfahrungen fragen lassen, ob Gott Freund oder Feind ist.
Hiob erlebt genau das. Er beweint nicht seinen verlorenen Besitz. Er beweint seine Beziehung mit Gott, die er nicht mehr versteht. Denn für ihn sieht es aus, als wäre Gott sein Feind geworden.
Glaubenskrisen greifen das eigene Lebensfundament an. Wenn man Gott nicht mehr vertrauen kann, auf was kann man dann überhaupt noch vertrauen? Wenn das Leben keinen Sinn mehr zu ergeben scheint, wenn Gebete unerhört bleiben, wenn alles schlimmer wird, obwohl man das Gefühl hat, alles richtig gemacht zu haben - was hilft es dann noch, dass "Gott gut ist"?
Hiob wünscht sich den Tod, weil er keinen Weg mehr für das Leben sieht - zumindest keinen, auf dem er nicht Bereiche seines Lebens ignorieren, totschweigen oder schönreden muss. Trotz allem ist er darin Vorbild: Er sucht keine Kompromisse, er ergibt sich nicht stumm seinem Schicksal. Er stellt sich der Krise. Mit Klagen und Zorn. Aber echt und ehrlich.
Ich würde nicht sagen, dass ich in den vergangenen fünf Jahren Gott als meinen Feind angesehen hätte oder doch? Wie Hiob beweinte ich die Beziehung mit meinem Papa-Gott und das Vertrauen zu ihm war an einem kleinen Ort, welches ich immer noch am Aufbauen bin. Echt und ehrlich, mit Klagen und Zorn habe ich mich wie Hiob dieser Lebens- und Glaubenskrise gestellt.
Während Elifas sehr gewählt in theologischen Dogmen spricht, schüttet Hiob sein Herz aus - ehrlich, unverfälscht und ganz gewiss nicht in geschliffener Sprache. Er will nicht debattieren, sondern verstanden werden. Bereits hier, am Anfang der Diskussion, wird damit klar, dass Hiob und seine Freunde fortwährend aneinander vorbeisprechen werden. Hiob kann sich nicht auf die Ebene der Freunde begeben, denn er hat kein theologisches, abstraktes oder theoretisches Problem, sondern ein sehr spezielles und persönliches. Und die Freunde weigern sich, von der theoretischen Ebene auf die Konkrete zu wechseln.
Hiob 6:14-30
Hitze, knallende Sonne, nichts als Sand weit und breit. Eine Düne nach der anderen. Die Vorräte sind längst aufgebraucht. Ein Fuss vor den anderen setzen, Schritt für Schritt. Mehr geht nicht. Doch plötzlich, am Horizont: Palmen und das Glitzern von Wasser! Die müden Glieder finden neue Kraft, die Schmerzen in den Füssen verblassen, das Brennen in der Kehle wird zum Ansporn. Wasser! Dann die Enttäuschung. Die Palmen sind tot und verdorrt. Die Quelle ist ausgetrocknet. Alle Hoffnung schwindet. Und die Sonne brennt.
So ähnlich muss sich Hiob fühlen. Er erwartet nicht von den Freunden, dass sie seine Probleme lösen. Er wünscht sich nur etwas "Erfrischung" von ihnen. Er will wissen, dass er nicht allein in der Wüste unterwegs ist. Er will andere bei sich haben, die ihm wenigstens ab und an einen Schluck Wasser anbieten, um die brennende Hitze etwas erträglicher zu machen; er wünscht sich Begleiter, die ihm dabei helfen, einen Weg in dieser endlosen Wüste zu finden. Endlich hat er angefangen, ehrlich über sein Leid zu sprechen, weil er an ihre Unterstützung geglaubt hat. Weil er geglaubt hat, dass sie wenigstens versuchen würden, ihn zu verstehen. Und jetzt - ist er doch allein.
Ich kann mich so gut in Hiob hineinversetzen: Als ich einen Tag vor Weihnachten im Jahr 2021 aus der Reha nach Hause kam, ging es mir körperlich zwar besser, auch wenn ich noch 3l zusätzlichen Sauerstoff beim Gehen brauchte. Doch psychisch ging es mir überhaupt nicht gut, da ich erst gerade um mein Leben bangte und eine heftige Retraumatisierung erlebte! So wünschte ich mir im neuen Jahr in einem Gottesdienst eine "Erfrischung" und wollte wissen, dass ich nicht allein in der Wüste unterwegs bin. Doch so einsam unter all den Leuten fühlte ich mich schon lange nicht mehr. Niemand fragte mich, wie es mir ging und von vorne musste ich mir anhören, dass man so tun sollte, als sei man nicht krank, wenn man irgendwelche Beschwerden hätte! Am Ende des Gottesdienstes wollte ich nur noch nach Hause.
Während meiner Zeit im Spital und in der Reha durfte ich regelmässig im Church-Chat berichten, wie es um mich steht und dies tat ich offen und ehrlich. Doch als ich wieder zu Hause war, erhielt ich eines Tages auf dem Weg in die Physiotherapie eine Nachricht, dass ich mich auf diesem Weg der Church nicht mehr mitteilen darf und doch selbst einen Freundes-Chat erstellen soll. Gesagt - getan, doch ich fühlte mich dann so allein auf weiter Flur und kann es bis heute nicht verstehen, warum ich mich meiner Church-Family nicht mehr mitteilen durfte und diese Enttäuschung nagt noch heute an mir und hat mein Vertrauen in Kirchen arg beeinflusst.
Nachdem Hiob erneut seine absolute Hilflosigkeit beschrieben hat, folgt nun ein Angriff auf seine Freunde. Diese Reaktion ist verständlich: Er hat Hilfe und Trost erwartet. Stattdessen vergrössern seine Freunde sein Leid. Es wäre besser, sie wären nicht gekommen oder hätten zumindest weiter geschwiegen wie am Anfang.